Das eine Person Ende 40 ihre Autobiografie schreibt, um auf ihr Leben zurück zu blicken ist ungewöhnlich. Das ein Transvestit zu Lebzeiten mit Klarnamen über sein Leben
schreibt, noch mehr. Das ein Transvestit es schafft, beide Persönlichkeiten zu leben und dabei ebenso fest wie erfolgreich in der Öffentlichkeit zu stehen, ist extrem selten.
Insofern ist Elli Hunters Biografie keinesfalls exemplarisch für den Lebensweg eines Transvestiten in Deutschland.
Trotzdem, oder gerade deswegen ist das Buch so außergewöhnlich wertvoll. Denn es beschreibt Situationen und Inhalte, die von der Masse der Betroffenen eben nicht gewagt
werden, in die Öffentlichkeit getragen zu werden. Es ist zu hoffen, daß das Buch nicht nur von denen gelesen wird, die sich anschließend zurücklehnen, nicken und bestätigend
denken: Ja, so ist das! Es eignet sich in hohem Maße dazu, es Partnerinnen, Freunden oder Bekannten an die Hand zu geben. Für sie ist sicher so manche Gefühlsbeschreibung
neu, kann viele Missverständnisse klären und Einsichten geben.
Elli Hunter ist eine bekannte Größe in der sogenannten TG-Szene. Ihr Ansehen und Erfolg kommt nicht von ungefähr. Worauf das gründet, wird schon auf Seite 7 klar, wenn sie
schreibt: „Wir können nur gut darin sein, was nicht nur voll und ganz unseren Talenten oder unserem Potential entspricht, sondern was wir auch mit Leib und Seele tun.“ Elli
macht das. Erfreulicherweise hat sie auch bei diesem Projekt auf qualitative Arbeit geachtet. Das Buch ist nicht nur angenehm zu lesen sondern bringt auch viele anspruchsvolle
Denkanstöße und Thesen. Auch hat sich der Einsatz eines professionellen Lektorats gelohnt. Hier fühlt sich der Leser nicht ständig von Schreibfehlern und verunglückten Sätzen
belästigt, wie in manch anderer, ungelenken Autobiografie.
Im Rückblick auf die Kindheit vermeidet es die Autorin bewusst Ereignisse als Grund zur Entstehung des Transvestitismus zu deuten. Dies wird von Betroffenen vielfach
versucht und wäre legitim, aber Tatsache ist, daß es eben noch keine gesicherten Erkenntnisse gibt, die generell anwendbar wären. Jede Lebensgeschichte ist individuell. Es gibt
Parallelen und Muster, die angesprochen werden, wie zum Beispiel, daß Transvestiten meist sehr phantasievolle Menschen sind und das geistige Potential haben, sich in fremde
Situationen hineinzudenken. Früher waren das Verkleidungs- und Rollenspiele, die heutige Jugend bevorzugt offenbar Computer-Rollenspiele.
Immer wieder wird der Leser von humorvollen Formulierungen erheitert. Zum Beispiel, als der junge Thomas durch das Finden eines nüchternen Lexikoneintrags erkennt, daß
Transvestitismus zwar nicht „normal“, aber doch nicht ungewöhnlich ist. Er ist nicht allein mit seinem Sein, sondern einer von Tausenden, die ähnlich empfinden. Für die heutige
Zeit, wo praktisch jeder Jugendliche Internetzugang hat, eine Marginalie. Für Betroffene, die in den 60ern aufwuchsen, eine wichtige Tatsache. In einem Forum schrieb mal
jemand im ähnlichen Lebensalter „In meiner Kindheit dachte ich, es gäbe nur Mary, Gordy und mich“. Die Erkenntnis nicht allein mit seinen Problemen zu sein, ist ungeheuer
wichtig für Jugendliche.
Doch nicht alle Ansichten von Elli Hunter werden Zustimmung der breiten Leserschaft finden. So zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch, daß Elli Hunter Frauen
verabscheut, die sich gehen lassen, sich weder um Körperpflege kümmern noch Wert auf feminine Kleidung legen. Solche Protagonisten wie Thomas` erste Freundin sind quasi
die Anti-Helden der Erzählung. Fairerweise muß man aber anerkennen, daß Elli auch ungepflegte Männer nicht verschont. Ebenso wird Ellis Meinung, daß Mütter mindestens die
ersten drei Jahre beim Kind bleiben und nicht arbeiten sollten, sicher nicht kritiklos von jeder emanzipierten Leserin hingenommen werden.
Unbedingt erwähnt werden muß, daß Elli mit der unheilvollen und falschen, sowie wissenschaftlich längst überholten These aufräumt, daß Transvestitismus eine Art Spleen oder
Hobby ist, daß man mit Selbstdisziplin oder einem geschickten Psychologen „heilen“ kann. Hier ist zu hoffen, daß lesende Angehörige erkennen, daß es beim Transvestitismus
nicht darum gehen kann, ihn loszuwerden, sondern ihn als Erweiterung der Persönlichkeit zu akzeptieren und zu leben. Abstinenz wäre nur eine Verdrängung, aber keine
Heilung. Es ist definitiv unmöglich einen Teil seiner Persönlichkeit dauerhaft abzuspalten. Das führt wenigstens zu Depressionen, wenn nicht zu noch schwereren geistigen
Schäden. So schaffen es auch Thomas und seine Frau Renate trotz echter Liebe nicht, vorbildhaft damit umzugehen, auch weil beide zu fest in einem Zeitgeist verwurzelt sind,